Etty Hillesum: Das denkende Herz (2024)

Endlich kann man Etty Hillesum auf Deutsch entdecken: Als moderne Mystikerin war sie auf der Suche nach Gott und nach sich selbst. Die Jüdin aus Amsterdam wurde zur Chronistin der Shoah – und zur Märtyrerin.

Aus der ZEIT Nr.12/2023

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Erschienen in ZEIT Literatur Nr.12/2023

Sie hat zuletzt noch diese Postkarte aus dem Zug geworfen, datiert auf Dienstag, den 7.September 1943, die wurde von Bauern am Gleis gefunden, abgeschickt und hat ihre Adressatin erreicht, eine Freundin, darauf stand: "Christien, ich schlage die Bibel an irgendeiner Stelle auf und finde das: Der Herr ist meine hohe Burg. Ich sitze mitten in einem vollen Güterwaggon auf meinem Rucksack. Vater, Mutter und Mischa sitzen einige Waggons weiter. Der Aufbruch kam doch noch ziemlich unerwartet. Plötzlich ein Befehl für uns speziell aus Den Haag. Wir haben dieses Lager singend verlassen, Vater und Mutter sehr tapfer und ruhig, Mischa ebenso. Wir werden drei Tage unterwegs sein. Danke, dass ihr euch so lieb um uns gekümmert habt. Freunde, die hier zurückbleiben, schreiben noch nach A.dam, vielleicht hörst du etwas? Auch von meinem letzten langen Brief? Auf Wiedersehen v. uns vieren. Etty".

Etty: Das ist Etty Hillesum, eine 29-jährige Jüdin aus Amsterdam, Tochter einer Russin und eines Niederländers, Schwester des hochbegabten Pianisten Mischa, eine studierte Juristin und Slawistin, der die Nazi-Besatzung seit 1940 dann das Psychologie-Studium durchkreuzt hat, das sie außerdem begonnen hatte. Bis zuletzt hat sie für den Amsterdamer Judenrat im Hauptdurchgangslager Westerbork gearbeitet, um dort den Wehrlosen zur Seite zu stehen, die nach und nach in die Züge gen Osten verfrachtet wurden, mehr als 100.000 Menschen seit dem Sommer 1942. Sie hatte wiederholt Gelegenheit, unterzutauchen und sich also zu retten. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte bei ihrem Volk bleiben, wie sie es ausdrückte, bei denen, die nicht das seltene Privileg hatten, untertauchen zu können. Sie hat exakt protokolliert, was im Alltag des Lagers Westerbork die Deportation bedeutete. Am 7.September musste sie selbst in den Zug steigen.

In jenem Rucksack, auf den sie sich im Güterwaggon setzte, befanden sich neben der Bibel auch ein russisches Wörterbuch und ihr Tolstoi. Das hat später eine andere Freundin notiert, die den Rucksack zusammen mit ihr gepackt hatte. Etty Hillesum täuschte sich bei der Auswahl der Bücher für diese Reise nicht, sie wusste, dass am Zielort nicht Lesezeit, sondern der Tod sie erwartete. Aber diese Bücher sollten doch mit. Sie hat die Ankunft im Vernichtungslager nicht lange überlebt, ihre Ermordung verzeichnet das Rote Kreuz für den 30.November 1943.

Und weil Etty Hillesum sich über die Vernichtung der Juden seit dem Sommer 1942 im Klaren war, hat sie rechtzeitig ein Tagebuch von mehreren Hundert Seiten an einem sicheren Ort in Amsterdam hinterlassen, einen Stapel dicht beschriebener Hefte: Sie umfassen ein selbstanalytisch geprägtes Werk, das sie in den nationalsozialistischen Jahren mit einer erschütternden Disziplin für eine spätere Veröffentlichung verfasst hat, ausdrücklich. Denn die junge Frau verstand sich als Schriftstellerin, als Chronistin ihrer Zeit, ihrer selbst und der Shoah. Das Tagebuch beginnt am 8.März 1941 und endet am 13.Oktober 1942 mit den Worten "Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein". Aus den Monaten danach gibt es nur noch Briefe.

Zwischen den ersten und den letzten überlieferten Zeilen, die Etty Hillesum verfasst hat, liegt eine ganz und gar außergewöhnliche Arbeit am Selbst, "in einer wild durcheinander geworfenen Welt". Den Zusammenhang dieser Welt will sie existenziell begreifen, nicht weniger, um in dieser Welt mit sich selbst etwas anfangen zu können. In einem Tagebucheintrag vom 3.Juli 1942 schreibt sie bereits: "Man ist auf unsere völlige Vernichtung aus, damit muss man sich in seinem Leben abfinden und dann geht es wieder weiter (...). Ich arbeite und lebe mit der gleichen Überzeugtheit weiter und finde das Leben sinnreich, trotzdem sinnreich."

Ich werde dir helfen, Gott, dass du nicht in mir zugrunde gehst.

Auf fast tausend gedruckten Seiten sind nun endlich, mit einer kaum begreiflichen Verspätung von fast 40 Jahren, auch auf Deutsch sämtliche erhaltenen Texte von Etty Hillesum zu lesen, Tagebücher und Briefe. Kaum begreiflich, weil das Gesamtwerk schon 1986 komplett auf Niederländisch erschienen ist und bald danach auch auf Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Auf Deutsch aber gab es bisher nur eine schmale Taschenbuchausgabe von 1985, mit Ausschnitten aus dem Tagebuch und ein paar Briefen, unter dem Titel Das denkende Herz: Die Autorin selbst hat sich "das denkende Herz der Baracke" genannt.

Etty Hillesum: Das denkende Herz (2024)
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Author: Jamar Nader

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