Etty Hillesum: Das denkende Herz (2024)

Der Soziologe Ulrich Beck hat Hillesums Tagebuch bereits in seinem Buch Der eigene Gott von 2008 als ein Beispiel für eine individualisierte Gottessuche gewürdigt, in der ein Gespräch mit sich selbst zum Gespräch mit einem eigenen, selbstkonstruierten Gott werde. Die Philosophin Johanna Lauterbach, in Kenntnis der englischen Gesamtausgabe, hat dem entgegengehalten, dass Hillesum sich in ihrer radikalen Selbstsuche doch einer universalistischen Ethik verpflichtet fühlte, dass sie sich als eine Jüdin verstand, die für das Christentum offen war und die den Gott der Bibel gesucht hat, indem sie mit ihm ins Gespräch trat, um handeln zu können: "Und fast mit jedem Herzschlag", schreibt sie an einem Sonntag im Juli 1942, "wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und dass wir die Bleibe in uns, in der du wohnst, bis zum Ende verteidigen müssen." Das Tagebuch wurde weltweit lebhaft rezipiert und immer neu aufgelegt.

Die neue Gesamtausgabe entfaltet nun das Bild dieser Etty Hillesum, spannungsreich, üppig annotiert und kommentiert, auch für das deutsche Publikum vollständig. Es heißt seit Langem, in Hillesums Werk sei eine Frau zu entdecken, die Ähnlichkeit habe mit der globalen Ikone Anne Frank, mit der sozialrevolutionären jüdischen Philosophin Simone Weil, mit der ursprünglich jüdischen, in Auschwitz ermordeten katholischen Nonne Edith Stein, und das trifft alles zu. Vergleichbar ist Hillesum gewiss auch mit dem Pater Maximilian Kolbe oder dem Pädagogen Janusz Korczak, die den Opfern des Holocausts beistanden, indem sie bei ihnen blieben. So hat es auch Etty Hillesum für richtig befunden.

Das Besondere an ihr ist allerdings nicht im Bekannten, sondern im Eigenwilligen und auch im Befremdlichen zu entdecken, im Unvergleichlichen eben. Diese Frau hat tatsächlich mit Herz, Leib und Seele gedacht. Es war nicht viel Zeit, die ihr blieb: Sie suchte die "Grundmelodie", die "Tiefenströmung" des Lebens, um dem Chaos des Tagesgeschehens entgegenzutreten, das sie in die Verzweiflung trieb. Sie hat dafür jede ihr zugängliche Quelle studiert: Ihr eigenes Kopfweh, ihre Depressionen, ihre sexuellen Erfahrungen haben ihr ebenso vital zu denken gegeben wie Gedichte von Rilke, das Verhältnis Europas zu Russland oder der Vernichtungsterror der Deutschen. Sie übte sich meditativ in innerer Versenkung und reflektierte zugleich die Mystik, deren moderne Erneuerin sie war. Sie wagte sich in Etüden psychosomatischer Selbsterkundung, verbunden mit unmethodischen Entdeckungen der Körpertherapie. Mit ihrem Analytiker Julius Spier, einem 54-jährigen charismatischen Schüler C.G. Jungs, ringt sie buchstäblich physisch um Erkenntnis, und man muss sich vorstellen, dass sie dabei lange schwor, von Erotik sei keine Rede. Sie sagt, sie liebt ihn als Menschen, nicht als Mann.

Mit ihm hat sie lesend, debattierend, liebend ihr Denken geschärft, das eine immer entschiedenere Richtung annahm: auf Gott hin. Bis sie ganz in sich selbst ruhte. Hillesums Denken verwandelte sich so über die Jahre hinweg in eine Praxis der Solidarität und Mitmenschlichkeit im Lager. Ihr eigener Körper war für sie dabei ein Medium der Erkenntnis: "Das Urkörperliche wird bei mir auf verschiedene Art und Weise durch einen Vergeistigungsprozeß durchbrochen". Ihre Suche nach Gott hat sich als Erfahrung auch sinnlich verkörpert, nicht unähnlich der Frömmigkeit in pietistischer oder chassidischer Tradition. Ihr eigenes Mitleid hat sie selbstanalytisch als Lustgefühl begriffen, und dass sie ihren Körper sexuell mit mehreren Männern teilte, wohl auch in Westerbork, bedeutete ihr zugleich eine Erfahrung von Macht wie von Güte. Sie teile sich unter Hungrigen auf "wie Brot", hat sie dazu gesagt.

Vielleicht liegt in dieser weiblichen Freiheit ein Grund, warum die deutsche Werkausgabe so lang auf sich warten ließ: So viel Grenzüberschreitung hat in der Frauengeschichte nicht ihresgleichen. Hillesums eigensinnige Komposition aus weltlicher Psychoanalyse, Gottesfrömmigkeit und entschiedenem Handeln, aus tiefer Belesenheit und radikaler Autodidaktik am eigenen Leibe, ohne institutionelles Geländer, hat tatsächlich eine "Grundmelodie" erzeugt: Dieses Leben ist auf unerhörte Weise in Gott lebendig gewesen. Die Urkraft, schrieb sie, bestehe darin, "dass man, selbst wenn man jämmerlich umkommt, bis zum letzten Augenblick für sich selbst weiß, dass das Leben sinnreich und schön ist, dass man alles in sich verwirklicht hat und dass das Leben gut war so, wie es war".

Auf jener letzten Postkarte steht schließlich, sie habe das Lager singend verlassen.

Etty Hillesum: Ich will die Chronistin dieser Zeit werden. Sämtliche Tagebücher und Briefe. 1941–1943; hrsg. von Klaas A. D. Smelik und Pierre Bühler; a. d. Niederl.v. Christina Siever u. Simone Schroth; C. H. Beck, München 2023; 992 S., 42,– €

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Author: Clemencia Bogisich Ret

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